Salongespräche


Salongespräche hosted by AHGZ & Joi-Design - powered by Internorga

"Es fängt an Kunst zu werden, wenn Überraschung da ist"

Die Salongespräche hosted by AHGZ & Joi-Design und powered by Internorga gingen in die vierte Runde. Das Thema diesmal: Kunst versus Dekoration.

Kunst- und Hotelexperten beim Salongespräch: (von links) Ruth Sachse, Franz W. Kaiser, Peter Joehnk, Henning Weiß, Rolf Westermann, Claudia Johannsen, David Etmenan, Heike Iserlohe und Birgit BorreckKunst- und Hotelexperten beim Salongespräch: (von links) Ruth Sachse, Franz W. Kaiser, Peter Joehnk, Henning Weiß, Rolf Westermann, Claudia Johannsen, David Etmenan, Heike Iserlohe und Birgit Borreck

HAMBURG. Was unterscheidet Kunst von Dekoration? Wird Kunst im Hotel automatisch zur Dekoration? Welchen Mehrwert hat Kunst für Hotels? Um diese und andere Fragen ging es beim nunmehr vierten Salongespräch powered by Internorga in Hamburg. AHGZ und Joi-Design als Gastgeber begrüßten diesmal Heike Iserlohe, Galerie Kunstraub 99 und Le Bistro 99, Ruth Sachse, Galerie Ruth Sachse, David Etmenan, Novum Hospitality, Professor Franz W. Kaiser, Bucerius Kunstforum, Henning Weiß, 25hours Hotel Company, Peter Joehnk, Joi-Design, und Claudia Johannsen, Internorga, zu einem inspirierenden Austausch im Salon der Villa Blohm. Moderiert wurde der Blick über den Tellerrand wie gewohnt von AHGZ-Chefredakteur Rolf Westermann.

Ob die Wandillustrationen des japanischen Künstlers Yoshi Sislay im Bikini Berlin, das Gemälde des alten Hafenmeisters im Alten Hafenamt Hamburg oder die Kohlezeichnungen im The Paris Club im neuen Das Tour Düsseldorf – die 25hours Hotels gelten als deutsche Kreativschmiede, die schon lange mit Künstlern zusammenarbeitet. Gleichwohl: „Die Gäste kommen nicht wegen der Kunst in unsere Hotels“, sagt Henning Weiß, Chief Product Officer und Member of the Strategic Board 25hours Hotels. „Und wir hängen keine Bilder an die Wand, weil der Gast das unbedingt erleben sollte.“ Auch habe man gar nicht das Budget, um einem hehren Kunstanspruch gerecht zu werden.

Sei letzterer zu groß, könne das auch schon mal schiefgehen, ist Weiß‘ Erfahrung. Da seien Korridore mit zweifelhaften Werken zugehangen, ohne das Gäste und Mitarbeiter verständen warum, merkt er an.

Auch Authentizität sei wichtig, betont Innenarchitekt Peter Joehnk. „Vor 20 Jahren haben wir noch Kalenderblätter gerahmt“, blickt er zurück. Dieser Nicht-Anspruch habe sich glücklicherweise gewandelt.

Claudia Johannsens Erfahrung mit Blick auf die Gastronomie ist wiederum: „Gastronomen beschäftigen sich nicht so sehr mit Kunst – im Restaurant geht es mehr um Dekorationsaspekte“, so die Internorga-Chefin.

Kunst als Teil des Gesamtbildes

„Ein Bild an die Wand zu hängen und eine Wand gelb zu malen, reicht nicht, um Geschichten zu erzählen, wie wir es tun“, sagt Henning Weiß. Bei 25hours zähle auch der Kontext und das Umfeld der Häuser. „Kunst ist bei uns Teil des Gesamtbildes. Sie findet nie ohne Kontext statt“, so Weiß. Ein roter Faden gehöre ebenso dazu, wie ein Stück weit Ironie. In punkto Marketing spiele Kunst kaum eine Rolle: „Da ist sie nur Randnotiz“, so Weiß.

„Wir machen es umgekehrt wie 25hours“, berichtet Novum-Chef David Etmenan über die Kunst-Ambitionen seiner Hotelgruppe. „Unsere Streetart ist ein krasser Kontrast zum Umfeld. Wir geben den Künstlern dabei kompletten Freiraum.“ So sei es auch zu erklären, dass im Niu Cobbles in Essen das Thema Braunkohle-Tagebau auf Tiger-, Adler- und Bärenköpfe des Künstlers Björn Holzweg treffe. 

Mit der Marke Niu will Chef David Etmenan eine junge Hotelmarke etablieren, die Streetart in das Interior Design integriert – oder auch selbstbewusst dagegen setzt, wie Moderator Rolf Westermann anmerkt. Dabei kooperiert Niu mit der Künstlergruppe von „Viva con Agua“. Die Erlöse der Zusammenarbeit kommen sozialen Aspekten zugute.

Für das vierte Haus der Marke, das Niu Saddle, wurde eigens der brasilianische Streetart-Künstler Zezão nach Fürth geholt, um die Flure zu gestalten. Das bringt nicht zuletzt Resonanz bei der gewünschten Zielgruppe: „Wenn wir einen brasilianischen Künstler mit mehr als 82.000 Instagram-Followern engagieren, profitieren wir natürlich auch von dessen Reichweite“, so Etmenan.

Für den Novum-Chef, der derzeit 161 Hotels unter dem Dach der Novum Hospitality betreibt, ist Kunst ganz klar „keine Dekoration“. Im Upscale-Budget-Segment, das er forciert, will er Kunst der breiten Masse spielerisch zugänglich zu machen. Angesichts der Übernachtungszahlen seiner Häuser habe er natürlich auch die Möglichkeit dazu, so Etmenan.

Was bleibt ist die Erinnerung

„Mit Kunst werden Emotionen geweckt“, betont der Hotelier. Gleichwohl komme es auf das das Zusammenspiel von Kunst, Interior und Atmosphäre an. „Das erzeugt eine zwischenmenschliche Ebene, die ein ganz anderes Erlebnis möglich macht, als es in einem sterilen Hotel möglich wäre“, so Etmenan. „Was bleibt, ist die Erinnerung daran, die immer wieder im Kopf der Gäste abgespielt wird.“

Für Innenarchitekt Peter Joehnk war das künstlerisch-konzeptionelle Kontrastprogramm im Niu Cobbles anfangs erstmal befremdlich, wie er offen zugibt. "Im Nachhinein finde ich es aber gut", so Joehnk. "Die Freiheit der Künstler ist zwar wichtig, als Innenarchitekt würde ich die Kunst aber immer zum Hotelkonzept passend aussuchen.“

Heike Iserlohe, Künstlerin und Gattin des Dorint-Aufsichtsrats Dirk Iserlohe, findet es prima, Kunst mit der Hotellerie zusammenzubringen. „Das ist eine Möglichkeit Kunst in öffentliche Bereiche zu bringen und damit Menschen zu erreichen, die sich sonst nicht für Kunst interessieren würden.“

Iserlohe betreibt die Galerie Kunstraub 99 in Köln. Im darunter liegenden Le Bistro 99 bringt sie dem Gast die Kunst ohne Schwellenangst näher – offensichtlich so erfolgreich, dass die Dorint Hotelgruppe nun auch Le Bistro 99 in ihre Hotels integrieren will.

„Kunst wird im Museum definitiv anders wahrgenommen als beim Essen im Bistro“, so Iserlohe. Die Kunstwerke in ihrem Bistro weckten das Interesse der Gäste für ihre Galerie. „Und nach dem Essen will der eine oder andere dann sogar eines der Werke zuhause haben.“

Ebenfalls im Galerie-Metier verhaftet ist Ruth Sachse von der Galerie Ruth Sachse in Hamburg, die 2003 mit der Hotellerie in Kontakt kam, als sie für die damalige „Volksfürsorge“ eine Kunstsammlung der besonderen Art organisierte: Kunst für das Hotel Le Meridien in Hamburg mit 56 Künstlern und mehr als 600 Kunstwerken. Das verhalf dem Hotel nicht nur zu einer der größten Kunstsammlungen außerhalb von Museen, die Kunst ist dort auch Teil der Marken-DNA und die Zimmerkarte ist gleichzeitig die Eintrittskarte für die Ausstellung in den Deichtorhallen.

„Im Hotel fängt es an Kunst zu werden, wenn Überraschung da ist“, sagt Sachse. „Mit Kunst lassen sich Anregungen und Überraschungsmomente für Gäste schaffen.“

Dabei gebe es auch Grenzen. Bei der Ausstattung des Mandarin Oriental in Prag etwa musste Sachse einst auf komplett nackte Darstellungen verzichten. „Die wären mir sonst abgehangen worden“, sagt sie. Und auch Beschwerdebriefe ans Hotel seien früher schon mal vorgekommen, wenn die ausgewählten Kunstwerke zu kontrovers waren.

Ihre Empfehlung für Hotels: Beruhigende und friedfertige Kunstwerke. Auch regionale Künstler machten Sinn, da sich das immer auch mit einer „Message“ an die Gäste verbinden lasse.

Echte Werke fast unmöglich 

Wie verhalten sich Kunst und Wirklichkeit zueinander? Wo ist die Grenze zwischen Alltag und Kunst? Das sind Fragen, mit denen sich Professor Franz W. Kaiser beschäftigt, der seit zwei Jahren das Bucerius Kunstforum in Hamburg leitet und an der Hochschule für Bildende Künste (HfBK) unterrichtet.

Bei Kunst im Museum ginge vor allem auch darum, einmalige Kunstwerke zu schützen und zu bewahren, so Kaiser. In der  Hotellerie seien Sie eher Konsumobjekt. Wolle man hier ein Kunstwerk eines wirklich renommierten, internationalen Künstlers ausstellen, werfe das nicht zuletzt auch konservatorische und Sicherheitsprobleme auf, die mit enormen Kosten verbunden sind. Das sei gar nicht zu leisten, so der Kunstexperte. Eine Alternative sei es daher auf Editionen bekannter Künstler auszuweichen.

„Ich bin ein Verfechter echter Kunst", sagt Innenarchitekt Peter Joehnk. "Doch die Bewertung, was für ein Hotel angemessen ist, ist für uns schwierig. So endet es oft mit Auftragskunst und Kooperationen mit Künstlern.“ Dabei stelle sich ihm allerdings auch immer die Frage: „Ist es am Ende noch Kunst oder haben wir da jemanden in die Dekoecke gedrängt?“

Für Franz W. Kaiser kein Thema: „Kunst hört nicht auf, wenn sie einen Auftrag hat ", sagt er. "Sie hört auf, wenn die Freiheit des Künstler aufhört.“ Den pflichtet Heike Iserlohe bei. „Als Künstlerin habe ich auch Auftragskunst gemacht“, berichtet sie. „Letztlich geht es darum, dem Künstler die Freiheit für das eigene Werk zu lassen. Und darum, dass er mit seiner Kunst nicht nur die Sehgewohnheiten bedient, sondern auch Neues schafft. Es geht darum, Dinge an die Wand zu hängen, an denen Leute sich aufreiben.“

Ob ein durch die Hotellerie befeuerter Kunstboom denkbar sei, will AHGZ-Chefredakteur Rolf Westermann noch wissen. Davon sei nicht auszugehen, ist sich die Runde einig. „Kunst ist nicht massentauglich“, so David Etmenan. Aber sie könne als Vehikel genutzt werden, um Themen zu inszenieren, resümiert Claudia Johannsen. Und Peter Joehnk findet, es sei schon viel gedient, die Hotels zu sensibilisieren, keine Kalenderblätter mehr aufzuhängen.

Heike Iserlohe verweist zudem auf die vielen Aspekte von Kunst in der Hotellerie – von der Dekoration über die Charity bis dahin, Künstler zu unterstützen. Mehr Wagnis dagegen fordert Ruth Sachse: „2- bis 3-Sterne-Hotels haben immer Angst, dass Kunst zu teuer ist – ich kann ihnen zu jedem Preis etwas bringen. Sie sollten mutiger sein!“

Mehr dazu demnächst in der AHGZ.


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