Salongespräche


Salongespräche hosted by AHGZ & Joi-Design - powered by Internorga

"Wir werden sehr viel flexibler leben"

Runde 5 für die Reihe Salongespräche hosted by AHGZ & Joi-Design - powered by Internorga - in Hamburg. Das Thema diesmal: Wohnen auf Zeit.

Die Salonrunde: (von links) Stephan Jung, Stephan Gerhard, Peter Joehnk, Anja Müller, Rolf Westermann, Anett Gregorius, Matthias Balz, Christian Scheuerl, Markus Lehnert und Reiner NittkaDie Salonrunde: (von links) Stephan Jung, Stephan Gerhard, Peter Joehnk, Anja Müller, Rolf Westermann, Anett Gregorius, Matthias Balz, Christian Scheuerl, Markus Lehnert und Reiner Nittka

HAMBURG. Welche Trends beeinflussen den Boom der Serviced Apartments? Welche Entwicklungschancen hat das Segment? Wie tickt die künftige Zielgruppe? Um diese und andere Fragen ging es beim 5. Salongespräch powered by Internorga in Hamburg. AHGZ und Joi-Design als Gastgeber diskutierten diesmal mit Anett Gregorius, Apartment Service Consulting, Anja Müller, Adagio Aparthotels, Stephan Gerhard, Treugast und 25hours Hotels, Stephan Jung, Inoventiq Group, Markus Lehnert, Vice President Development Marriott, Reiner Nittka, GBI AG, Matthias Balz, Internorga und Christian Scheuerl, MPC Capital. Moderiert wurde der branchenübergreifende Gedankenaustausch wie gewohnt von AHGZ-Chefredakteur Rolf Westermann.

Der Markt wächst

Boardinghaus? Dieser Begriff für Langzeit-Übernachtungskonzepte sorgte in Deutschland lange Zeit für Fragezeichen bei den Gästen. Mit dem Begriff Serviced Apartments ist es besser geworden, aber immer noch können viele Leisure-Gäste mit dem Begriff nichts anfangen, so die Erfahrung von Anett Gregorius, die auf der Plattform Apartmentservice rund 35.000 Apartments in 120 Destinationen weltweit vermittelt. Auch Markus Lehnert, der die Entwicklung der Longstay-Marke Residence Inn by Marriott in Europa vorantreibt, sieht auf Gästeseite noch viele Fragezeichen. "Wir müssen noch richtig viel Nutzermarketing machen, um auf einen Marktanteil von 10 Prozent zu kommen."

Derzeit liegt der Anteil der Serviced Apartments am deutschen Hotelmarkt erst bei 3 Prozent - trotz starken Wachstums in den letzten zehn Jahren, so Stephan Gerhard, Gründer der Unternehmensberatung Treugast Solution Group. Die Prognose von 10 Prozent hält er indes für realistisch. "Auf Investoren-Seite steht die Ampel auf grün", sagt auch Reiner Nittka,Vorstandssprecher der GBI AG, die unter dem Namen Smartments seit 2010 ihr Engagement in der Entwicklung von Mikroapartments ausbaut. "Die Entwicklung des Marktes wird eindeutig noch einmal einen Knick nach oben machen."

Investorenmarkt "zu heiß"

Doch Christian Scheuerl von MPC Capital warnt, dass der Investorenmarkt derzeit schon wieder viel "zu heiß" sei. "Die Situation hatten wir vor zehn Jahren schon mal und das hat der ganzen Branche nicht gut getan", sagt der Geschäftsführer im Bereich Micro Living/Student Housing. "Wir müssen aufpassen, dass das zarte Pflänzchen Serviced Apartments nicht unter den Bulldozer kommt, weil Investoren gerade in alles reingehen, was Geld bringt."

Der Boom der Serviced Apartments ist vom gesellschaftlichen Wandel getrieben, darin sind sich alle einig. Megatrends formten nicht nur die Gesellschaft, sondern prägten auch die Wohnen-auf-Zeit-Dynamik, so Stephan Gerhard. "Die Megatrends Individualisierung, Urbanität und Mobilität tragen wesentlich zum Wohnen auf Zeit bei", sagt er.

Internorga-Projektleiter Matthias Balz pflichtet dem bei: "Wir spüren vor allem den Trend zur Individualisierung und versuchen das natürlich auch aufzugreifen und umzusetzen."

Anett Gregorius verweist zusätzlich auf die Megatrends "Wissenskultur" und "New Work" als weitere, wichtige Treiber der Marktentwicklung. Bei der Mitarbeitersuche würden Serviced Apartments zunehmend auch zu einem Arbeitgeber-Argument, weiß sie zu berichten. "Das erweitert unsere Zielgruppen um ein Vielfaches", so Gregorius.

Auch Reiner Nittka hat diesbezüglich Erfahrung: "Anfangs wurden wir für Mitarbeiterwohnungen noch ausgelacht", sagt er. "Inzwischen haben wir in Berlin eine ganze Reihe von Rahmenverträgen mit Firmen laufen. Und es sind nicht mehr nur Berater, die Serviced Apartments und Smartments Business nutzen, sondern auch viele, die neu in eine Stadt kommen, selbst Studenten." Die Nutzungsdauer liege im Schnitt bei 70 Tagen, so Nittka.

"Das 3-Phasen-Modell Kindheit/Jugend - Berufsleben - Ruhestand ist komplett aufgebrochen, die neue Generation lebt ein halbes Jahr hier, ein halbes Jahr dort", spinnt Anett Gregorius den Gedanken weiter. "Die wollen Ready-to-live-Konzepte, um gleich ankommen und wohnen zu können."

Longstay kann auch Leisure

Noch sind Geschäftsreisende die wesentlichen Treiber des Serviced-Apartment-Marktes. "Der Anteil dieser Zielgruppe liegt bei 70 Prozent", weiß Stephan Gerhard. Doch es gibt auch erste Tendenzen für Veränderungen. "Longstay ist nicht nur Geschäftsreise", betont Anja Müller, die die Europageschäfte der Adagio Aparthotels, ein Joint-Venture zwischen Accorhotels und der Gruppe Pierre & Vacances, leitet. "Es wird wichtiger den Leisure-Markt zu betrachten, vor allem in Metropolen."

Anett Gegorius von Apartmentservice beobachtet bereits Verschiebungen hin zu mehr Leisure-Gästen. Abhängig von Konzept und Standort liege deren Anteil dann auch schon mal bei 40 Prozent. Markus Lehnert verweist hier auf die Marriott-Erfahrungen in den USA. Dort würden Longstay-Marken wie Residence Inn zuerst von Corporate-Kunden entdeckt, die dann später auch ihre Familien mitbrächten.

Ein Thema der Runde war auch die Entwicklung künftiger Zielgruppen und künftigen Wohnens. "Das klassische Wohnen in den Städten wird sich sehr stark verändern", sagt dazu Markus Lehnert. "In Zukunft werden Gym, Lounge und Concierge-Service Bestandteile des Wohnens sein. Auch die Nachfrage nach Branded Residences mit Facilities wird zunehmen, in Innenstadtlagen auch schon im mittleren Preissegment."

"Wir werden sehr viel flexibler leben", ist auch Gastgeber und Innenarchitekt Peter Joehnk von Joi-Design sicher. "Wohnen muss anders aussehen", konstatiert Zukunftsforscher Stephan Jung von Inoventiq. "Die Generation Y wird in ihrem Leben 17 Mal den Job wechseln und 15 Mal umziehen. Da muss Umziehen und Wohnen nach dem Plug-and-play-Prinzip funktionieren." Autohersteller Mini etwa habe mit dem Mini-Living-Gebäude in Shanghai das weltweit erste Co-Living-Projekt in China realisiert.

Auch bei den Adagio Aparthotels stehen die Zeichen auf Veränderung. "Wir gestalten derzeit unsere öffentlichen Bereiche um", berichtet Anja Müller. "Die Gäste wollen das und wir werden damit zu Eventmanagern, die ein bis zweimal die Woche Get-together und ähnliches organisieren."

Co-Living im Kommen

Habe man sich bisher auf Apartments und Studios konzentriert, gehe es künftig hin zu Co-Living-Apartments mit einer großen Gemeinschaftsküche, so Müller. Das das funktionieren wird, hält Markus Lehnert für realistisch, der vom Erfolg eines 4-Zimmer-und-eine-Living-Cooking-Area-Konzepts in London berichtet. Für Reiner Nittka indes ist klar: "So 'lean' wie wir mit Smartments unterwegs sind, können wir eine Küche gar nicht umsetzen."

Ein erstes Fazit: "Die Megatrends zeigen, wo die Reise im Serviced-Apartments-Markt hingeht, aber wir müssen unsere Zielgruppen kennen", so Stephan Gerhard. "Es gibt keinen Trend, der für alle gilt. So wie unsere Kunden sind, so müssen wir unsere Hütten bauen." Seine Planungen setzen auf massives Wachstum in dem Segment. Zugleich gibt er zu bedenken, dessen Konjunkturabhängigkeit nicht zu unterschätzen.

Bei allen Entwicklungen sei zuletzt auch die simple Kernbotschaft des Segments nicht zu vergessen, betont Anett Gregorius abschließend: "Ein Zuhause auf Zeit zu schaffen, wo die Gäste sich erden können und auf keinerlei technischen Standards verzichten müssen."

Mehr zum Thema demnächst in der AHGZ.


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