Upstalsboom


Im Gespräch: Bodo Janssen (45), Buchautor und geschäftsführender Gesellschafter, Upstalsboom Hotel + Freizeit GmbH

ahgzplus "Wir starten eine Revolution"

Der Unternehmer Bodo Janssen hat ein Buch über neue Formen der Erwerbstätigkeit geschrieben ("Kraftquelle Tradition"). Es passt in die Umbruchsituation, die viele unter dem Stichwort New Work erleben.

Bodo Janssen: "Wir nutzen Upstalsboom, um den Systemwandel zu praktizieren, aber wir können die Welt nicht retten"Bodo Janssen: "Wir nutzen Upstalsboom, um den Systemwandel zu praktizieren, aber wir können die Welt nicht retten"

Herr Janssen, Ihr Buch handelt von Erwerbstätigkeit und erfüllter Lebenszeit. Das waren oft Gegensätze. In Ihrem Weltbild gehört das zusammen.

Janssen: In vielen Definitionen ist Arbeit mit Mühsal verbunden. Arbeit diente in der Geschichte dazu, überleben zu können. Einer gab das Kommando. Heutzutage hat sich der Anspruch gewandelt. Arbeit gehört zur Lebenszeit und soll erfüllend gestaltet werden.

Ist für viele nicht die Bezahlung entscheidend?

Janssen: Geld verdienen ist wichtig, steht aber nicht mehr im Vordergrund. Viele wollen sich nicht krumm machen, damit Shareholder mehr profitieren und der Börsenwert steigt. Der Sinn ist bedeutsam, weil er mir das Gefühl gibt, dass ich einen Beitrag für die Gemeinschaft leisten kann. Wo sich meine Talente mit den Bedürfnissen dieser Welt überschneiden, liegt meine Berufung, hat Aristoteles gesagt. Uns geht es darum, Menschen dabei zu unterstützen, Sinn, Freiheit und Verantwortung für das eigene Leben zu finden. Ein negatives Menschenbild führt von der Wiege ins Hamsterrad und von dort aus hechelnd ins Grab.

Ist das wirtschaftlich verträglich?

Janssen: Wir betreiben rund 60 Hotels und Ferienwohnanlagen mit etwa 750 Mitarbeitern. Im vergangenen Jahr sind wir um 50 Prozent gewachsen. Das geht nicht spurlos an uns vorüber, deshalb steht jetzt erst einmal Konsolidierung im Mittelpunkt.

Der amerikanische Philosoph Frithjof Bergmann gilt als geistiger Vater der New-Work-Bewegung. Sie sehen die Wurzeln dieser Ideen aber viel früher.

Janssen: Die Gedanken, die Bergmann 1969 in die Öffentlichkeit brachte, sind in einer 1500 Jahre alten Tradition verankert. Schon im 6. Jahrhundert hat Benedikt von Nursia so gedacht, als es darum ging, Regeln für Menschen in einer Gemeinschaft auf engstem Raum zu finden. Das hat nichts mit Religion zu tun. Der Mensch muss mit sich selbst im Reinen sein, wenn er mit anderen in Kontakt treten will, denn der Schatten wirkt sich auf sein Umfeld aus. Wenn ich keine emotionale Umweltverschmutzung betreiben will, muss ich klären, was ich wirklich will. Depressionen und Burnout sind häufig darauf zurückzuführen, dass Aufgaben nicht passen, permanente Überforderungen stattfinden und Kindheitsverletzungen nicht aufgearbeitet wurden.

Damit berufen Sie sich auf eine alte Tradition, um die Arbeitswelt der Gegenwart radikal zu verändern.

Janssen: Ja, es ist eine Revolution, die wir auf Basis alter Wurzeln starten. Letztlich hat Benedikt nichts anderes gemacht. Damals gab es Sklaven, Adelige und eine strenge Klassengesellschaft. Auch heute geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander. Wir stellen gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich die Dinge auf den Kopf, denn vielen geht es gar nicht gut. Wir nutzen Upstalsboom, um den Systemwandel zu praktizieren, aber wir können die Welt nicht retten.

In Ihrem Buch schreiben Sie von der Ernüchterung, dass auch bei Upstalsboom Arbeit zu verrichten sei.

Janssen: Manche, die zu uns kamen, haben Glückseligkeit erwartet und wurden dann mit einer knallharten Realität konfrontiert. Wir bekommen großen Zulauf aus anderen Branchen, manche sind schnell ernüchtert, weil die Hotellerie ein extrem harter Job ist.

Sie kritisieren, dass viele Unternehmen sich dem Diktat der Zahlen, Stellen und Funktionen unterwerfen.

Janssen: Wir hatten in einem Bereich 37 Jahre lang eine Struktur, bei der dann Unzufriedenheit entstand. Wie in einem Kloster haben wir die Führung partizipativ neu gewählt. Die neue Führungskraft war die rangniedrigste Mitarbeiterin, die erst seit sechs Monaten bei uns war. Sie hatte aber die besten Eigenschaften, das Team zu entwickeln und sie übernahm die Aufgabe, nicht die Position. Wenn ich in Aufgaben denke, können diese immer wieder wechseln, dagegen fällt es schwer, eine Position zurückzunehmen. Und es entsteht nicht automatisch Anspruch auf mehr Geld. Wie bei einem Bewerber für die Rezeption, den wir in einem gemeinsamen Prozess zum Hoteldirektor machten. Er wollte nicht mehr Gehalt haben als ein Rezeptionsmitarbeiter. Das fand ich spannend, die Aufgabe ist entkoppelt vom Gehalt.

Das nährt Befürchtungen, dass Hierarchien abgebaut werden, um Geld für Funktionsstellen zu sparen.

Janssen: Da bin ich bei Ihnen. Letztlich ist das eine Frage der Haltung. Wer in New Work nur die Möglichkeit sieht, dass glückliche Kühe mehr Milch geben, der hat das Modell völlig zweckentfremdet. Es ist entscheidend, wofür die Gewinne verwendet werden. Wir haben vor einiger Zeit den Leitspruch definiert: Die Wirtschaftlichkeit ist die Basis unserer Existenz, aber nicht der Sinn unseres Handelns. Das hat unsere Vertriebsmitarbeiter zutiefst verunsichert, weil sie dachten, sie hätten ihre Existenzberechtigung verloren. Manche wollten gar nicht mehr von Umsatz sprechen. Es ging ihnen richtig schlecht. Erst als klar war, dass wir 100 Prozent der Gewinne nutzen, um Menschen zu stärken und die Umwelt zu schonen, hatte die Gewinnoptimierung plötzlich wieder eine Legitimation.

Verändert sich dadurch die Branche?

Janssen: Wir wollen der Hotellerie eine neue Perspektive geben, sie als Schule des Lebens betrachten. Ich kann mir keinen besseren Rahmen vorstellen, um Begegnungen zu schaffen. In Hamburg ist jeder zweite Haushalt ein Single-Haushalt. Wir brauchen die Gemeinschaft, Einsamkeit ist gefährlicher als Alkohol. Ich sehe Hotelmitarbeiter der Zukunft als Beziehungsgestalter.

Im Mittelpunkt Ihres neuen "Hotels am Rande der Welt" steht die psychosoziale Gesundheit mit gemeinsamen Mahlzeiten an großen Tischen, Schüsseln wie bei Muttern, Stille, Bescheidenheit, Meditation.

Janssen: Unsere Mitarbeiter stehen in Bereichen zur Verfügung, die ein reguläres Hotel nicht bietet. Sie begleiten Gesprächsrunden, führen Sinngespräche, leiten Meditationen. Unser Retreat definiert Luxus neu und befreit von ständigen Entscheidungen und Dauerkonsum. Das Angebot richtet sich an Menschen, die sich mit den wesentlichen Fragen des Lebens beschäftigen. Wir wollen weg vom höher, schneller, weiter. Es geht um geistige Mündigkeit statt Konsuminfarkt, um Sinnsuche statt Flucht in die Sinne.


Möchten Sie auf ahgz.de zukünftig alle Inhalte unbegrenzt nutzen?Jetzt informieren!Nicht jetzt

Sie sind bereits Abonnent?Hinterlegen Sie hier Ihre Auftragsnummer!