Mindestlohn


TV-Bericht

Wallraff-Reportage lässt Hoteliers nicht kalt

Die Dokumentation über die Arbeitsbedingungen für Zimmermädchen sorgt für Wirbel in der Branche.

Günter Wallraff: Der Enthüllungsjournalist und eine RTL-Reporterin blicken hinter die Kulissen der Arbeitswelt der ZimmermädchenGünter Wallraff: Der Enthüllungsjournalist und eine RTL-Reporterin blicken hinter die Kulissen der Arbeitswelt der Zimmermädchen

BERLIN/KÖLN. Die Wallraff-Reportage vom vergangenen Montag sorgt für Wirbel in der Branche. Nach Recherchen des Enthüllungsjournalisten sind die Bedingungen für Reinigungskräfte in den großen deutschen Hotels mies. Geringe Bezahlung, schlechtes Arbeitsklima und sittenwidrige Arbeitsbedingungen – so sieht demnach der Arbeitsalltag vieler Zimmermädchen aus. In fast allen bekannten Fällen leiden vor allem Reinigungskräfte, die über Subunternehmen in den Hotels arbeiten, unter schlechten Arbeitsbedingungen.

Dieses Problem ist in der Branche nicht neu. Denn gerade das Housekeeping lagern viele große Hotels in Deutschland aus. Sie beschäftigen Subunternehmen, in den meisten Fällen Gebäudereiniger, die über ein großes Netzwerk von Mitarbeitern verfügen – denn gerade in diesem Bereich ist die Fluktuation groß. Den DEHOGA Bundesverband in Berlin überraschen die Wallraff-Enthüllungen deshalb nicht. Der Verband betont, dass den Hoteliers für die Kontrolle der Arbeitsbedingungen der Beschäftigten aus Subunternehmen rechtliche Grenzen gesetzt sind.

„Arbeitszeit und Gehalt kann der Hotelier zum Beispiel gar nicht prüfen, denn er ist in diesem Fall ja nur der Auftraggeber“, sagt Sandra Warden vom Verband. „Die Mitarbeiter des Subunternehmens sind dem Hotelier gegenüber zudem nicht weisungsgebunden.“ Nimmt der Hotelier hier zu viel Einfluss, laufe er Gefahr in einer versteckten Arbeitnehmerüberlassung zu landen oder den Datenschutz zu verletzen. Oft übernimmt deshalb eine vom Subunternehmen eingestellte Vorgesetzte den Posten der Hausdame.

#ZT#Hoteliers sollten sich die Tariftreue des Subunternehmens schriftlich geben lassen#/ZT#

Hoteliers können aber doch etwas tun: „Sie sollten sich auf jeden Fall die Tariftreue des Subunternehmens vor Vertragsabschluss unterzeichnen lassen“, sagt Warden. Die beauftragten Gebäudereiniger sollten nicht nur nach Preis, sondern auch nach Qualität und Sorgfältigkeit ausgesucht werden. Außerdem kann der Hotelier die Arbeitsbedingungen in seinem Haus stichprobenartig kontrollieren. „Wenn Frauen schildern, dass die Hausdame sie menschenunwürdig behandelt, dann sollte der Hotelier einschreiten“, findet Warden.

Das Bild und der Eindruck, den die Reportage von Günter Wallraff den Zuschauern über die Branche vermittelt, ist deutlich: Gerade Hotels, in denen die Zimmer mehrere hundert Euro pro Nacht kosten, sollten für gute Arbeitsbedingungen ihrer Angestellten sorgen. Das lässt viele Hoteliers nicht kalt. Oliver Staas, Direktor des Hotels Radisson Blu mit 560 Zimmern in Hamburg, ist überzeugt, dass Hoteliers bei der Anstellung von Zimmermädchen über Subunternehmen in der Pflicht stehen.

Er selbst beschäftigt im Housekeeping außer 20 festen Mitarbeitern auch 30 bis 40 Zimmermädchen aus Subunternehmen. Vor Auswahl einer solchen Firma wendet er sich immer an die Mindestlohn-Prüfstelle in Hamburg. Außerdem schaut er sich die Verträge an, die das Subunternehmen mit den Reinigungskräften schließt. „Man sollte sich nicht nur für den günstigsten Preis entscheiden“, betont Oliver Staas. "Denn gerade bei der Reinigung der Zimmer ist die Qualität entscheidend.“

#ZT#Reporterin schlüpft in die Rolle eines Zimmermädchens#/ZT#

Der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff und eine RTL-Reporterin hatten am vergangenen Montag in der RTL-Sendung „Extra“ über die Arbeitsbedingungen der Reinigungskräfte in deutschen Luxushotels berichtet. Dafür war die Reporterin Pia Osterhaus über acht Monate lang immer wieder undercover in die Rolle des Zimmermädchens geschlüpft. Mit versteckter Kamera filmte sie ihre Arbeitsbedingungen.

Zuerst übernahm sie einen Job als Putzkraft in einem Hotel in Frankfurt am Main. Für die ersten zwei Tage, die sie auf Probe arbeitete, erhielt sie keinen Lohn. Statt eines Mindestlohns von 9 Euro pro Stunde wird sie an den darauf folgenden Tagen pro Zimmer bezahlt. Für jeden geputzten Raum erhält sie 3,60 Euro. War viel zu tun, brauchte sie eine Stunde, um jedes Zimmer zu reinigen. Kleine Fehler wurden mit Abzug des Lohns bestraft. Eines der Zimmermädchen missbrauchte ein Handtuch als Türstopper, dafür wurden ihr 20 Euro vom Gehalt abgezogen. Nicht nur die Bezahlung, auch das Arbeitsklima war schlecht. So beobachtet die Reporterin, wie eine Hausdame eine Putzkraft mit den Worten „Verdammte Scheiße“ und „Ich mache dir jeden Tag einen Gefallen, dass Sie hier arbeiten!“ anfährt.

In der Reportage gibt sich Günter Wallraff zudem selbst als Manager eines kurz vor der Eröffnung stehenden Luxushotels in Berlin aus. Dafür heuert er von einem Subunternehmer 30 bis 40 Zimmermädchen an. Der Unternehmer versichert ihm vorab, dass er Tariflohn zahle. RTL-Reporterin Pia Osterhaus lässt sich vom gleichen Unternehmen anstellen, doch tatsächlich erhält sie am Ende nur 3,84 Euro pro sauber gemachtem Zimmer.

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