Hotelier des Jahres 2012: Dietmar Müller-Elma...
Hotelier des Jahres 2012

Dietmar Müller-Elmau: "Hotelier wider Willen"

AHGZ
Schlossherr: Dietmar Müller-Elmau
Schlossherr: Dietmar Müller-Elmau

Ein Porträt über den Preisträger des Awards "Hotelier des Jahres 2012" von AHGZ-Chefredakteur Hendrik Markgraf.

Hotelier des Jahres 2012: Dietmar Müller-Elmau: "Hotelier wider Willen"



ELMAU. Der Schlossherr lässt es sich nicht nehmen, den Besucher persönlich abzuholen. Der steigt im bayerischen Örtchen Klais kurz hinter Garmisch-Partenkirchen aus der zugigen Regionalbahn und weiter geht's mit dem Hotel-Cayenne die wenigen Kilometer bis zum Schloss Elmau. Hügel und Wälder fliegen vorbei, Dietmar Müller-Elmau  gibt ordentlich Gas. Und schon bald hält der Wagen vor dem Hoteleingang, am Fuß des Wettersteinmassivs. Drinnen, im Foyer, ist immer noch die klösterliche Strenge des alten Elmau zu spüren, einst Zufluchtsort des deutschen Bildungsbürgers. Dann geht es weiter den langen Flur entlang, vorbei an der Buchhandlung, dem Zentrum des Hotels, in dem sich alles ums Lesen dreht, wie der Hausherr erklärt. Gelesen werden kann überall, selbst in der Bar, die Müller-Elmau extra mit speziellen Leselampen ausgestattet hat.

Die Bar mit dem schwarzen Flügel ist einer seiner Lieblingsorte, und in seiner Bar will er auch lesen können. Das ist seine Methode: Er geht von sich selbst aus, von sich als Gast. Und verändert, perfektioniert ständig – ein „Alptraum für meine Mitarbeiter“, denen er viel abverlangt, aber auch Respekt zollt, gute Arbeitsbedingungen und Bezahlung bietet. 

Dieses ständige Verbessern-Wollen, dessen Kehrseite eine rastlose Unzufriedenheit ist, ist ein Modus, den er als Software-Entwickler, als Gründer von Fidelio eingeübt hat. Und als Hotelier beibehält. Was sich in Kleinigkeiten offenbart, wenn er beim Rundgang mal hier eine Lampe gerade rückt, dort einen Tisch verschiebt.

Dietmar Müller-Elmau: "Hotelier wider Willen"



Für Dietmar Müller-Elmau ist die ganze Welt ein Hotel, in dem wir zu Gast sind. Er selbst, 1954 auf Schloss Elmau in Zimmer 54 geboren, hat einen Großteil seines Lebens mehr oder weniger in Hotels verbracht, nicht nur in ganz jungen Jahren, sondern nach einem Master Studium in Cornell auch als Assistent der Geschäftsführung im Hotel Sonnenalp in Ofterschwang, dann vier Jahre als Assistent des Direktors von Schloss Elmau, seines Onkels, bevor er aus der familiären Enge flüchtete und die Softwarefirma Fidelio gründete, nur noch in Hotels lebte, bis er 1997 auf Bitten des Vaters nur widerwillig den maroden heimatlichen Betrieb als Pächter und alleiniger Geschäftsführer übernahm, dort einen erbitterten Kampf um die Neuausrichtung des Hotels führte, am liebsten nach Amerika geflohen wäre, doch 2005 durch den Schlossbrand, in dem die Chance für einen radikalen Neubeginn steckte, dazu gebracht wurde, dazubleiben und die Mehrheit der Eigentümergesellschaft zu erwerben. Ein „Hotelier wider Willen“, wie er sich mit einem kurzen hellen Auflachen nennt. Aber was für einer!

Die von ihm eingenommene Gästeperspektive führt so weit, dass er, der kein Spa-Gänger ist, der noch nie in einer seiner Saunen gesessen, der noch nie in einem seiner Pools geschwommen ist, dass dieser Spaferne das Spa so gestaltet hat, dass „ich vielleicht hineingehen würde“. Das heißt: Wer einen Rest von Privatheit will, sich also nicht gleich nackt „auf den Dorfplatz stellen möchte“, der kann mit Bademantel in die Dusche und ihn dort in einem kleinen Vorhof ablegen. Ähnlich funktioniert es in den 240 Quadratmeter großen Saunen oder im 500 Quadratmeter großen Hamam, in denen man auch nicht schwitzend aufeinander hockt, sondern Platz hat.

Es sind solche ausgeklügelten  Details, die das Besondere dieses Hotels der Extraklasse ausmachen. Alles hat der Hausherr bis ins Kleinste durchdacht und dann mit seinem Architekten Christoph Sattler ganz nach seinen Vorstellungen gestaltet. Das macht ihn und sein Hotel unverwechselbar. Und hat Dieter Müller-Elmau zum „Hotelier des Jahres“ werden lassen: Das Schloss, ein Leuchtturm in der Resorthotellerie, ein Hotelier, der mit seinem Familienspa und anspruchsvollem Programm für den Nachwuchs Maßstäbe für Kinderfreundlichkeit in der Luxushotellerie gesetzt hat, auch mit seinem Konzept verschiedener Hotelwelten unter einem  Dach. Der Mut und Risiko nicht gescheut hat, indem er einen Bruch mit der alten, esoterisch und bildungsbürgerlich angehauchten Welt von Elmau riskierte, der sein selbst erarbeitetes Vermögen investierte. Dessen Engagement das Hotel als Ort der Kultur erhalten und konkurrenzlos gemacht hat. Ein Unternehmer, der neue Wege geht, der alles gibt und für sein Metier brennt.

Das sind Tugenden, an denen sich jeder Hotelier orientieren  kann. Ein Haus wie Schloss Elmau  wertet eine Region, einen Ort, die ganz Hotellerie dort – und nicht nur dort - auf. Es zieht alle mit, hebt das Preisniveau – der Schlossherr beweist auch in dieser Hinsicht Mut – , kurbelt den Tourismus an, strahlt auf kleinere Hotels ab, die in bester Gesellschaft sind und davon profitieren, denn „Differenzierung schafft Nachfrage“, weiß der gelernte Betriebswirt. Und regt sich darüber auf, wie wenig Wertschätzung dem Hotelgewerbe immer noch entgegenschlägt. „Spitzentechnologie wird hoch geschätzt“, auch bei tollen Automarken wie Porsche  oder  Mercedes. Deren Qualität  fließt dann in die Produktion kleinerer Modelle ein. Aber Spitzenhotellerie begegnet oft nur Ressentiments. Dagegen macht er mobil. Auch in der Region, in der er sich für den Standort engagiert.

Man kann mit diesem Hotelier stundenlang über solche Themen diskutieren. Auch über ein Einwanderungsgesetz, das er schon vor Jahren forderte, um die deutsche Hotellerie für Arbeitskräfte  aus aller Welt, nicht nur aus Europa, zu öffnen: „Wir brauchen eine Greencard in der Hotellerie.“ Auf diese Forderung  kommt er immer wieder zurück, die geregelte Einwanderung ist ihm ein echtes Anliegen. Nicht nur als Mittel gegen den drohenden Fachkräftemangel. Ein weltoffenes Haus wie Schloss Elmau braucht für ein internationales Publikum auch Mitarbeiter aus aller Herren Länder.

Mit Dietmar Müller-Elmau kann man überhaupt über vieles ausführlich sprechen. Es sprudelt nur so aus ihm heraus. Wer so viel erlebt hat, auch so viel nachgedacht, hat auch etwas zu sagen. Mit Begeisterung auch über sein Konzept dieses urbanen Hotels inmitten unberührter Natur. Im Teeraum, dem Wohnzimmer des Hauses, spricht er über das Prinzip des (Sich-)Versteckens und (Sich-)Zeigens. Deutet mit der Hand auf die großen Sofas und Sitzecken, Rückzugsorte im Spiel des Sehen-und-Gesehen-Werdens.

Oder zeigt im italienischen Restaurant im ehemaligen Literatursaal auf die seidenen Vorhänge rings um die Tische herum: Wer dort sitzt, kann sie zuziehen, Vorhänge, die aber immer noch ein bisschen sehen lassen. Das hat einen Hauch von Erotik und Sinnlichkeit, die im alten Elmau, dem vor seiner Zeit als Hausherr, offiziell tabu waren. Das einst aschfahle Licht ist jetzt weich und sinnenfroh, strahlt aus paarweise angeordneten blattgoldbelegten Halbmonden. Deren Vorbilder sind die alten Messingleuchten im herrschaftlichen Haus seines Großvaters, unweit des Hotels gelegen, in dem er mit seiner Frau, den drei Kindern aus zweiter Ehe und seiner Mutter lebt.

Die Designerlampen von Enzo Catellani, „handgemacht von einer alten Frau“, sind auch im Hotelshop zu kaufen, für 300 Euro. Alles, was „Schloss Elmau auch von innen so schön macht“, ist zu erstehen. Dazu zählen die Bademäntel, die hier nicht klinisch weiß daherkommen, sondern in zehn Farben zu haben sind: unangepasste Individualität also auch hier. Begehrt  sind die Elefanten, die in allen möglichen Varianten das Hotel bevölkern - als Skulpturen, als Aufdrucke auf Sofas, Sesseln, Kissen und Betten. Der Elefant, philosophiert  der vielgereiste Hotelchef, steht für Urteilskraft und Erinnerungsvermögen. In einer Welt der Vielfalt ist das überlebenswichtig. Vielleicht verschwindet er deshalb heimlich in so manchem Koffer, ebenso der hübsch bemalte Zahnputzbecher. Denn in diesem Hotel wird „wahnsinnig geklaut“, berichtet der Hausherr, und man weiß nicht, ob ihn das wirklich ärgert.

Das neue Elmau ist auch „ein Spiegel meiner Reisen von Asien bis Amerika, von der Toskana bis nach Bayern“, erzählt  Müller-Elmau, der sich schon als Jugendlicher nach Indien aufmachte, „um nachzudenken“, wie er dem verblüfften Schuldirektor erklärte und sich für ein Dreivierteljahr verabschiedete, später aber nach einer bestandenen Aufnahmeprüfung und dem Überspringen einer Klasse das Abitur ablegen konnte.

Auf seinen Reisen eignet er sich das Fremde an, um es dann  wieder zu verfremden, wie er erläutert. Zu beobachten beispielsweise im Hamam, in dem sich Stoffe aus Indien mit Leder aus Italien vermischen oder sich osmanische mit bayerischen Deckenbögen abwechseln.

In Elmau ist jetzt die Welt zu Hause. Die Vielfalt. Keine – wie noch in alter Zeit - verschworene Gemeinschaft, die das Gleiche will, sondern Eigensinn, Individualität , ein heterogenes Publikum unter einem Dach, in einem „Mehrprodukthotel“, wie es Müller-Elmau ausdrückt, der als studierter Philosoph und Betriebswirt nicht nur die Sprache der Geistesmenschen spricht, sondern auch die der Marketingleute und Manager.

Emotional berühren und intellektuell anregen, Natur, Musik und Literatur, Ess- und Badekultur, Sport und Spiel einzeln oder in Kombination anbieten - und alles auf höchstem Niveau zu angemessenen Preisen. So lautet das Konzept. Das günstigste Einzelzimmer kostet inklusive obligatorischer 90-Euro-Pauschale (für Essen und Getränke) 180 Euro, das Doppelzimmer 360 Euro aufwärts bis zur Suite für 1000 Euro. Das spricht die alte Klientel nur noch eingeschränkt an, denn die Preise sind dreimal so hoch wie vor dem Brand. Die Durchschnittsrate liegt bei 350 Euro.

Der Schlossherr will eine Gästeschar erreichen, die „in internationalen Tophotels unterwegs ist“. Insofern würden sich keine starken Überschneidungen mit Spitzenresorts wie der Traube Tonbach oder dem Bareiss  in Baiersbronn ergeben, auch nicht mehr mit der Sonnenalp oder mit dem Seehotel Überfahrt in Rottach-Egern.  

Und diese hybride Gästeschar bedient er mit einem Konzept, das unterschiedliche Stimmungen aufnimmt. Also nicht nur eine Gestimmtheit, etwa die nach Ruhe, sondern auch deren Gegenteil. In der Bibliothek, Silentium genannt, kann der Gast sich der Stille, der Konzentration hingeben – und braucht nur die Gangseite zu wechseln, um im Tearoom dem munteren Treiben zuzusehen und oder an ihm teilzuhaben.

Und in den Lesungen im Konzertsaal oder den zwei Bibliotheken sitzen nicht nur die Gleichgesinnten, die man im Literaturhaus trifft, sondern unter sie mischen sich auch andere Charaktere. Das gibt einen ganz ungewohnten, reizvollen Mix.

Das Prinzip des Hin und Her findet sich wieder im Wechsel von Natur draußen und urbanem Leben drinnen. Etwa im Restaurant Wintergarten,  mit dem Panorama-Ausblick, der die Bergwelt ins Haus holt. Oder in den vier Wellness-Welten: dem lebhaften Familienspa für Eltern und Kinder, dem ruhigen Badehaus für Paare und Individualisten inklusive Lady Spa, dem orientalischen Hamam für Erwachsene und sommers dem Nature Spa am kühlen Ferchenbach für alle. Also auch hier: Für jede Stimmung ist etwas Passendes da, getragen von einer alles verbindenden Lebensfreude. Das ermöglicht im Badehaus ein gepflegtes Sich-Gehen-Lassen, wenn man sich im Bademantel zum Frühstück im dortigen kleinen Restaurant niederlässt.

Für eine auflockernde Durchmischung im Hotel sorgen vor allem die Kinder, die ein Drittel der Gäste stellen. Das anspruchsvolle, abwechslungsreiche Kinderprogramm organisiert die Ehefrau des Hausherrn, Heidrun Müller-Elmau.

Diese Freiheit, nach seiner Façon zu leben und sich zu bewegen, macht für Müller-Elmau den Luxus dieses Hotels aus. Mal abgesehen von der räumlichen Großzügigkeit  in den öffentlichen Bereichen, der exquisiten Ausstattung, dem personalstarken Service, der Sterneküche Mario Contis und so fort.

Der Gast kann zwischen diesen Welten, zwischen Gegensätzen hin- und hergleiten, je nach Stimmung. Der Hausherr  hat ihm „Brücken gebaut, Übergänge“, wie er sagt. Er spricht gern über Gestaltung und Architektur, das ist eine seiner Leidenschaften. Man könnte ihn, hochgewachsen, die perfekt  geschnittenen langen Haare zurückgeworfen, grauer Rollkragenpullover unterm lässigen Wolljackett zu Jeans, glatt für einen Architekten halten.

Die kosmopolitische Vielfalt, von der er spricht und die er selbst verkörpert, setzt sich in den Materialien fort: amerikanische Kirsche, brasilianischer Palisander, indisches Teakholz, bayerische Lerche, alles in Abstufungen da. Oder bayerischer Stein poliert, halbpoliert, gebürstet. Oder: chinesischer Sofastoff, indischer Sofastoff, persischer Teppich. Das alles, zusammengehalten vom warmen Licht der goldenen Lampen, wirkt fein abgestimmt und  komponiert. Auch räumlich: An den Teeraum schließt sich ein Wintergarten an, erst dann kommt die Terrasse: voneinander getrennt und doch durchlässig. Wenn man im Dachpool schwimmt, zwischen Erde und Himmel dahingleitet,  begreift man beim Blick auf die Naturkulisse das Prinzip der Abstufungen, Übergänge, das in Schloss Elmau waltet und seine wahre Anziehungskraft ausmacht: ebenerdig Wiesen, dann ansteigend Bergwald,  kärgliche Vegetation, dann nur noch grauer Stein, der im zerklüfteten Massiv des Wettersteins sich ballt. Eine abgestufte Vielfalt,  wie sie sich auch in den Plateaus und Tälern in der Umgebung des Hotels abzeichnet. Aufgenommen auch in der Fassade des Schlosses mit ihren Rücksprüngen.

Dietmar Müller-Elmau hatte schon vor dem Brand 2005 viel Geld in die Modernisierung des Schlosses investiert. Geld, das er aus dem Verkauf von Fidelio mitbrachte. Immerhin hatte er das Software-Unternehmen innerhalb von sechs Jahren zum Weltmarktführer gemacht, dann – das ewige Reisen und Leben aus dem Koffer leid - verkauft: für etwas mehr als 50 Millionen Mark, die er mit zwei Miteigentümern teilte, aber den größeren Anteil behielt.

Der Wiederaufbau nach dem Brand kostete 45 Millionen Euro, wovon die Versicherung die Hälfte übernahm. Der Rest speist sich aus Eigenkapital und Darlehen. In 20 Jahren hat sich die Investition amortisiert, glaubt Mehrheitseigentümer Müller-Elmau. Sein Optimismus ist nicht unbegründet. Denn das Haus hat in diesem Jahr, bei einer Auslastung von 77 Prozent, das Umsatzziel von 2016 erreicht: knapp 20 Millionen Euro. Den Umsatz pro Zimmer gibt er mit 155.000 Euro an und vergleicht sich da mit dem Bayerischen Hof in München, das zweitumsatzstärkste Einzelhotel in Deutschland.

Dieser Hotelier wider Willen sagt von sich, er sei immer unterwegs. Er räumt auf, wie er einmal formuliert, das heißt,  er formt die Dinge so, wie er sie haben will, auch gegen Widerstände; das zeigt seine Geschichte auf Schloss Elmau. Mit der Neuerfindung des Schlosses ist sein Weg aber nicht zu Ende. „Ich habe noch zwei Bauplätze“, verrät er dem Besucher. Da wo das ehemalige Personalhaus steht, in dem er mit dem Schreiner, dem Bäcker, dem Pianisten, der seine Liebe zur Musik weckte, groß geworden ist,  dort soll ein 5-stöckiges Hotel mit „High-End-Spa“ entstehen, mit 40 Zimmern, Mindestgröße 60  Quadratmeter, die Suiten bis 250 Quadratmeter groß. Denn der Gästewunsch nach sehr geräumigen Zimmern ist unüberhörbar, und den kann er im Schloss nicht ausreichend erfüllen. Doch damit nicht genug. Hinterm Wald unten im Tal, dort, wo das Hotel Alpengut Elmau steht, soll es ein neues 3-Sterne-Hotel geben, ebenfalls mit Spa. Und die alten „verunstalteten“ Einödhöfe drum herum werden wieder  in ihren Urzustand versetzt und vermietet werden. Das Hotel als Zuschauerraum mit Blick auf die Siedlung. So stellt sich das Dietmar Müller-Elmau vor. Der Mann hat Visionen.

Das Konzept des Hotels und das Wirken Dietmar Müller-Elmaus ist im Grunde eine  Antwort auf die Geschichte des Hauses, eine Auseinandersetzung mit dem Großvater, dem Gründer von Schloss Elmau: Dr. Johannes Müller, ein Schriftsteller, Philosoph und Theologe, der die Anlage 1916 erbaute. Wollte der Großvater sein Schloss für die „Freiheit vom Ich“  errichten, so treibt seinen Enkel das Gegenteil an: „Ich suche ein Maximum an Möglichkeiten und individueller Freiheit für viele Ichs“, schreibt er in seiner Geschichte des Schlosses.

Das alte Elmau, das ist das vor dem großen Brand im Jahr 2005, der das Gebäude zu zwei Dritteln zerstörte. Es war ein esoterisches Elmau, das der Enkel seit seinem Wiedereinstieg dort im Jahr 1997 modernisierte -  gegen  heftigen Widerstand. Erst eines Teils der Familie, den er ausbezahlte, dann der Stammgäste. Schloss Elmau war der „sehr einzigartige Fall einer  Einheit von klösterlichem Hotel und kulturellem Veranstaltungszentrum, in dem sich viele Stammgäste so wohl fühlten, dass sie irgendwann dachten, das Schloss gehöre eigentlich ihnen selbst“, schreibt dazu die Schriftstellerin Hilde Domin und fährt fort:.

„Wer dorthin in Urlaub fuhr, bewies nicht nur Stil wie (der Pianist) Friedrich Gulda, sondern auch die richtige Gesinnung dazu, wie Johannes Rau. Schon die Einfahrt …gleicht …dem Übergang in eine andere, bessere Zeit.“

Diese bessere Zeit war eine politikferne Zeit, eine Lebensweise, die sich in die Natur und Kultur zurückzog. Reaktion auch auf die politischen Irrungen und Wirrungen Johannes Müllers. Ab 1957 wird dann das Schloss zum legendären Mekka der Kammermusik. Das Hotel ist seinerzeit eher eine Begegnungsstätte, in der das Gemeinschaftserlebnis über allem steht mit Ritualen wie dem Wach-Singen durch die aus guten Kreisen kommenden Hausschwestern, meist junge ansehnliche Mädchen, dem gemeinsamen Tanz, der legendären Quadrille oder dem Reigen im Wiesentau, Abendessen mit fester Tischordnung, Konzerten, bei denen nicht geklatscht werden durfte. Und wenn gesündigt wurde, dann nur verdeckt. Ein Stück Scheinheiligkeit war immer dabei.

Dagegen, gegen eine „übergestülpte Geistigkeit“, die die  einfachen Leute darben lässt, hatte schon Jung-Dietmar rebelliert, durch kleine Sabotageakte im Schloss, indem er den Aufzug sperrte oder am Musikabend die Sicherung herausdrehte. Er solidarisierte sich mit den  Mitarbeitern, arbeitete als Spüler. Ein „erhebendes Gefühl“.

Dietmar Müller-Elmau hat nach und nach die Elmauer Traditionen abgeschafft – daran  konnten selbst die Gästestreiks – wo hat es so etwas schon gegeben? – nichts ändern. Es war ein offener Bruch mit der Tradition weltentrückter Innerlichkeit und einer Gemeinschaft Gleichgesinnter. An ihre Stelle traten die berühmten Symposien mit ihren politischen Debatten über Holocaust, Einwanderung und mehr. In den 90er-Jahren las man nicht im Reiseteil der Zeitungen über das Schloss, sondern im Feuilleton. Hier versammelte sich eine streitbare Intellektuellen-Schar, was Müller-Elmau den Titel „Anti-Hotelier“ einbrachte: Denn er holte die Welt ins Haus, an diesen Ort, der die Welt doch immer hatte ausschließen wollen.

Mittlerweile ist der bildungsbürgerliche Dünkel passé, das Publikum toleranter und betuchter geworden. Das Tagungsgeschäft  spielt hier keine nennenswerte Rolle. Den Vorwurf, es gäbe nun weniger Kultur auf Schloss Elmau, dafür vor allem Wellness, ja es sei zum kruden Luxustempel geworden, lässt der Hausherr aber nicht gelten. Zwar hat die Zahl der Symposien deutlich abgenommen, aber der Veranstaltungen sind es mehr denn je: Das Musikprogramm ist konkurrenzlos, Literatur spielt nach wie vor ein große Rolle. Hier trifft man Künstler, Verleger und Autoren, auch Feuilletonisten, die sich im Bücherladen von Dr. Ingeborg Prager mit Lektüre eindecken. Hier gastiert, was national und international Rang und Namen  hat. Und erhält als Gage freie Kost und Logis. Vergleichbares gibt es in der Hotelwelt nicht.

Es verwundert nicht, dass Schloss Elmau nach wie vor ein bevorzugter Ort für Kreative ist. Die  elegant-klar eingerichteten 128 Zimmer mit ihren hohen Decken, die hohes Denken ermöglichen, fördern die Konzentration. Hier hat Stammgast Loriot viele seiner Sketche und Drehbücher verfasst, im Eckzimmer 186, am geräumigen Schreibtisch zwischen zwei großen Fenstern sitzend, manchmal den Blick über Wiesen und Wald schweifen lassend bis hin zur steil aufragenden Wettersteinwand.

Im Grunde ist das Schloss selbst ein Stück Literatur. Es ist wie ein Roman. Es erzählt von deutscher Vergangenheit und Gegenwart, von einer Hoteliersfamilie und ihrem Nachkommen, der dieser Vergangenheit etwas Eigenes entgegensetzt und tatendurstig in die Zukunft blickt.

Und wenn er nach all den Gesprächen den Besucher zurück zum Bahnhof Klais bringt, wieder im Porsche, dann fegt er durch die Kurven, dass es eine Freude ist. Er hat keine Zeit zu verlieren. Er muss noch einiges aufräumen.

 

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