Interview: Tommi Huuhtanen, progros

"Engpässe kann es in allen Sortimenten geben"

Unternehmen
Tommi Huuhtanen: "Es ist noch ein steiniger Weg zu gehen, bis sich die Märkte wieder normalisieren"
Tommi Huuhtanen: "Es ist noch ein steiniger Weg zu gehen, bis sich die Märkte wieder normalisieren"

Der globale Einkauf ist unter Druck wie noch nie. Tommi Huuhtanen, Geschäftsführer Einkauf bei progros, erläutert, welche Marktveränderungen durch die Pandemie hierzulande stattgefunden haben und welche Auswirkungen es auf Preise und Lieferlogistik gibt.

Corona hat tiefe Spuren beim Thema Einkauf hinterlassen. Können Sie die derzeitige Lage im Einkauf in Bezug auf die Hotellerie kurz skizzieren? Als Einkaufsexperten beobachten wir den Markt natürlich sehr intensiv und sehen, welche enormen Auswirkungen die Pandemie auf die Zulieferindustrie der Hotellerie hat. Mittlerweile ist der gesamte Beschaffungsmarkt akut betroffen. Es kommt zu weltmarkt- und inflationsbetriebenen Kostensteigerungen in fast allen Bereichen, Lieferengpässen und -verzögerungen sowie Produktknappheiten, weil alle Produktions- und Logistikketten betroffen sind. Der Einkauf steht unter Druck wie lange nicht mehr, vielleicht wie noch nie zuvor.

Wie steht es um die Logistik? In der weltweiten Schiffsfracht fehlen heute Kapazitäten, was zu exorbitanten Preissteigerungen beim Containertransport geführt hat. Und wir sind nicht nur mit den globalen Logistikproblemen konfrontiert, sondern auch von Engpässen beim LKW-Transport in Europa und im eigenen Land. Dies ist einer der Gründe, warum sich die Beschaffungskrise auf mehr oder weniger alle Produkte ausgedehnt hat, auch wenn sie nichts mit Mikrochips, Halbleitern oder mangelnden Rohstoffen zu tun haben. Engpässe kann es insofern derzeit in wirklich allen Sortimenten geben.

Wie reagiert Ihr Unternehmen auf die akute Beschaffungsproblematik? Auch uns betrifft diese Entwicklung natürlich, aber als starker Gruppe mit über 900 Hotels etwas schwächer als beispielsweise einen Einzelhotelier, der den Preisexplosionen oder Verfügbarkeitsproblemen ungeschützt gegenübersteht. Das gilt auch für die meisten Hotelketten. Durch unsere Volumengröße und strategische Ausrichtung haben wir an vielen Stellen eine andere Verhandlungsposition und können auf Alternativen – alternative Lieferanten oder auch Ersatzprodukte – ausweichen.

Wie steht es um Preiserhöhungen? Angesichts der beschriebenen Entwicklungen lassen sich Preisanpassungen bei Lieferpartnern in der Regel nicht vermeiden. Diese sind in vielen Fällen auch marktgerecht, nachvollziehbar und dadurch gerechtfertigt. Spielräume können insofern fast ausschließlich in der Höhe der Preisanpassung und beim Zeitpunkt, wann eine Erhöhung startet, genutzt werden. Und auch hier haben wir in der Regel als progros eine günstigere Verhandlungsposition als ein Einzelbetrieb oder eine Kette.
„Das Gebot der Stunde für die Hospitality heißt: Flexibilität und Geduld.“
Tommi Huuhtanen, progros

Wie sollte ein Hotel reagieren, wenn Preiserhöhungen eines einzelnen Lieferpartners angekündigt werden? Ruhe bewahren und keine vorschnellen emotional basierten Entscheidungen treffen! Auf keinen Fall überstürzt die Verträge kündigen. Generell sollten Hoteliers bei angekündigten Preiserhöhungen von Lieferanten das Gespräch und einen kaufmännischen und partnerschaftlichen Kompromiss suchen, statt vorschnell die Zusammenarbeit mit einem Lieferanten zu beenden – eventuell kann die Erhöhung ja zeitlich etwas später oder mit einem geringeren Aufschlag verhandelt werden. Und um einschätzen zu können, welche Preissteigerungen im Markt vertretbar und auch gerechtfertigt sind, gilt es mehr denn je, sich detailliert zu informieren und die Marktsituation einzuschätzen.

Welche Konsequenzen hat die akute Situation speziell für die Hotellerie? Vielleicht müssen Hotels Anpassungen bei den Services oder Angeboten machen, es kann zu Einschränkungen kommen, aber das Geschäft kann weiterlaufen. So sind wir in unserer Branche von den beschriebenen Entwicklungen in weitaus geringerem Maße betroffen als viele andere Branchen. Das Gebot der Stunde für die Hospitality heißt: Flexibilität und Geduld. Und mehr denn je gilt: Auch mal um die Ecke denken! Dies kann nicht nur das Umsteigen auf Alternativprodukte bedeuten, sondern auch, genau in die eigenen Abläufe im Betrieb zu schauen und diese an die neuen Gegebenheiten anzupassen.

Konkret? Wenn bestimmte Waren nicht zu erhalten sind, müssen eben das eigene Angebot oder auch bestimmte Services angepasst oder auch eingeschränkt werden, sei es auf dem Frühstücksbuffet, im Restaurant oder im Wellnessbereich – hier gilt es Lösungen zu finden, die der aktuellen Lage entsprechen, statt an fest eingefahrenen Services festzuhalten. Da müssen vielleicht auch alte Zöpfe abgeschnitten werden. Gewinnen werden Hotels, die sich schnell und flexibel auf neue Gegebenheiten einstellen können und die passenden kreativen Lösungen für ihr Haus und ihre Gäste finden.

Gehen die Preise denn nach der Krise wieder runter? Es wird wahrscheinlich sehr schwer werden für ein individuelles Hotel oder eine Hotelgruppe, seine Preiserhöhungen bei einem Lieferpartner rückgängig zu machen. Wann ist der passende Zeitpunkt dafür? Und wie hoch darf die Rückabwicklung ausfallen? Da haben wir als progros natürlich eine bessere Informationsgrundlage und Verhandlungsspielräume, die Rückabwicklung aktiv zu steuern. Denn die Erhöhungen, die wir im Moment erleben, werden sicherlich nicht langfristig am Markt Bestand haben. Wir sprechen jetzt von einem Kurzzeiteffekt. Es wird langfristig gesehen zwar teurer werden, aber nicht in der momentanen Höhe.

Noch ein Ausblick in die Zukunft … Wir sind noch nicht durch! Es ist noch ein steiniger Weg zu gehen, bis sich die Märkte wieder normalisieren. Wir gehen aber davon aus, dass es sich im Moment um einen Kurzzeiteffekt handelt und sich die Lage langfristig erholen wird. Die aktuelle Situation sehen wir als eine zeitlich befristete Störung im Markt – Logistikprobleme, Produktionseinschränkungen oder leere Lager – dies wird nicht dauerhaft so bleiben – vorausgesetzt, es treten so schnell keine neuen Krisen auf. Es ist jedoch unmöglich zu sagen, wann genau mit einer vollen Erholung dieser Akutsituation zu rechnen ist. Unserer Einschätzung nach kann dies jedoch nicht vor Mitte 2022 geschehen.
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